Kapitel Zehn
The "Unchanging" Brain
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1913 studierte Santiago RamĂłn y Cajal die RegenerationsfĂ€higkeit von Nerven. Er fand, dass manche Nerven sich regenerieren konnten und manche nicht. Dein peripheres Nervensystem, also das Netzwerk von Nerven das von deinem Gehirn zum Rest deines Körpers geht, zu deinen Armen, Beinen und deinem Herzen, kann regenerieren. Wenn du einen Nerv in deinem Arm durchtrennst zum Beispiel, kann er nachwachsen und seine Funktion wiederherstellen, zumindest teilweise. Aber er fand, dass in deinem zentralen Nervensystem, also deinem Gehirn und RĂŒckenmark, wenn diese Neuronen, die Zellen aus denen diese Systeme bestehen, beschĂ€digt werden, sie nicht in der Lage sind sich physisch zu regenerieren. Die Verbindungen die durchtrennt wurden, blieben durchtrennt. Cajal konnte das unter seinem Mikroskop klar sehen: Axone die in Probe nach Probe in peripheren Nerven physisch nachwuchsen, aber nie im Gehirn oder RĂŒckenmark. Allerdings verstand er auch, und sagte sogar öffentlich, dass das Gehirn sich irgendwie reorganisieren können muss. Sonst könnten wir unsere Meinung ĂŒber nichts Ă€ndern. Diese Reorganisation fand nur nicht durch physisches neuronales Wachstum statt wie in unseren Armen oder Lungen.
Cajal mochte eigentlich nicht, was er bewiesen hatte. Ihm gefiel die Idee nicht, dass unsere Gehirne sich nicht bis ins Erwachsenenalter regenerieren konnten wie der Rest unseres Nervensystems, also formulierte er eine Art Herausforderung. Er sagte: âIn den erwachsenen Zentren sind die Nervenbahnen etwas Festgelegtes, Beendetes, UnverĂ€nderliches. Alles kann sterben, nichts kann regeneriert werden. Es ist an der Wissenschaft der Zukunft, dieses harte Dekret zu Ă€ndern, wenn möglich." Was im Grunde bedeutete: er hatte festgestellt, dass in erwachsenen Gehirnen die Nerven festgelegt sind, sterben aber nicht regeneriert werden können, und dass es die Herausforderung zukĂŒnftiger Wissenschaftler sei, ihn zu widerlegen wenn sie könnten. Er forderte buchstĂ€blich die Zukunft der Medizin heraus, herauszufinden wie man seine Beobachtungen umstĂŒrzen könne, in der Hoffnung, das Schicksal der Menschheit sei nicht das eines festgelegten Gehirns.
Er hatte in seiner Karriere auch andere Forschung betrieben, die die verĂ€nderbaren Teile des Gehirns betraf. In den 1890er Jahren hatte Cajal ein Konzept eingefĂŒhrt, das er âneuronale PlastizitĂ€t" nannte. Er hatte FĂ€lle dokumentiert in denen beschĂ€digte Gehirne neue Schaltkreise bildeten um Verletzungen zu umgehen. Als Beispiel hatte er gesehen, wie lange Axonzellen sich nach einem Trauma in kurze Axonzellen mit neuen Kollateralverzweigungen umwandeln konnten und alternative Wege schufen, die Funktion wiederherstellen konnten, selbst wenn die ursprĂŒnglichen Verbindungen zerstört waren. Und zusĂ€tzlich zu diesen beobachtbaren VerĂ€nderungen die er im Gehirn geschehen sah, ergab ein komplett festgelegtes, starres Gehirn fĂŒr ihn keinen logischen Sinn. Wie konnte Lernen stattfinden? Wie konnten wir uns an neue Situationen anpassen? Wie konnte Therapie oder Ăbung irgendetwas verbessern? Das Gehirn, argumentierte er, musste die FĂ€higkeit haben, seine bestehenden Verbindungen zu reorganisieren, selbst wenn es keine völlig neuen Neuronen wachsen lassen konnte. Er hatte es geschehen sehen und er hatte es dokumentiert. Die Struktur mochte festgelegt sein, aber die Funktion war dynamisch.
Aber aus irgendeinem Grund blieb der erste Teil hĂ€ngen, der in medizinischen FakultĂ€ten fĂŒr die nĂ€chsten drei Generationen gelehrt wurde: dass das Gehirn festgelegt, beendet, unverĂ€nderlich ist. Alles kann sterben, nichts kann regeneriert werden. Das wurde die operative Annahme der Neurologie und das fundamentale Prinzip das formte, wie Ărzte ĂŒber Hirnverletzung, Schlaganfall, Entwicklungsstörungen, psychische Erkrankung und Altern dachten. Wenn das Gehirn sich nicht Ă€ndern konnte, dann war Schaden permanent. Wenn jemand einen Schlaganfall hatte, war welche Funktion auch immer er in den ersten paar Monaten verlor, fĂŒr immer weg. Wenn sich das Gehirn eines Kindes abnormal entwickelte, gab es ein schmales Zeitfenster fĂŒr Intervention und danach konnte nichts getan werden. Wenn jemandes geistige FĂ€higkeiten mit dem Alter abnahmen, war das einfach der unvermeidliche Marsch Richtung Tod. Die LehrbĂŒcher sagten es, weil Cajal es gesagt hatte. Und Cajal war der Vater der modernen Neurowissenschaft, der Mann der den Nobelpreis fĂŒr die Beschreibung der Struktur von Neuronen gewonnen hatte.
Die Ironie ist, dass Cajal bei beidem recht hatte. Wir wissen jetzt, dass man im gröĂten Teil des erwachsenen Gehirns keine neuen Neuronen wachsen lassen kann. Adulte Neurogenese findet statt, aber nur in spezifischen Regionen wie dem Hippocampus und dem Riechkolben. FĂŒr die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit deines Gehirns sind die Neuronen die du hast, die Neuronen mit denen du sterben wirst. Cajal hatte auch recht damit, dass beschĂ€digte Neuronen im zentralen Nervensystem ihre Axone nicht auf die Art regenerieren wie periphere Nerven es tun. Durchtrenne die Verbindung und sie bleibt durchtrennt. Aber er hatte genauso recht ĂŒber den anderen Teil, den Teil der verworfen wurde. Das Gehirn reorganisiert seine bestehenden Verbindungen stĂ€ndig, unser ganzes Leben lang. Jedes Mal wenn du etwas Neues lernst, jedes Mal wenn du eine FĂ€higkeit ĂŒbst, jedes Mal wenn du deine Meinung ĂŒber etwas Ă€nderst, verdrahtet sich dein Gehirn physisch um. Nicht indem es neue Neuronen wachsen lĂ€sst, sondern indem es manche synaptischen Verbindungen stĂ€rkt, andere schwĂ€cht und neue Pfade bildet. Unser ganzes Leben lang.
Das Gehirn kartieren
Es dauerte bis in die 1980er Jahre bevor jemand tatsĂ€chlich bewies, was Cajal ĂŒber PlastizitĂ€t beobachtet hatte. Michael Merzenich, ein Neurowissenschaftler an der UC San Francisco, begann Experimente durchzufĂŒhren die endlich beweisen sollten, dass das Gehirn sich reorganisieren konnte, obwohl das nicht das war, was er sich vorgenommen hatte als er seine Arbeit begann. Die vorherrschende Annahme zu dieser Zeit war, dass unsere Gehirnkarten festgelegt waren. Man wurde mit ihnen geboren, sie entwickelten sich in der Kindheit, und dann blieben sie fĂŒr den Rest des Lebens an Ort und Stelle. Das sagte der Lokalisationismus: dass bestimmte Bereiche des Gehirns bestimmte Funktionen handhabten, diese Bereiche bei jedem gleich waren und sie sich nicht Ă€nderten. Also machten sich Merzenich und seine Kollegen eigentlich nur daran, detailliertere Karten zu erstellen, im Wesentlichen mit gröĂerer PrĂ€zision zu dokumentieren, welche exakten Teile des Gehirns welchen Teilen des Körpers entsprachen, um die Standard-Gehirnorganisation zu etablieren, von der jeder annahm, sie sei festgelegt und universell. Aber als er diese Arbeit machte, fiel ihm auf, dass wenn er denselben Affen zweimal kartierte, Wochen oder Monate auseinander, sich die Karten verĂ€nderten. Die Grenzen hatten sich verschoben. Das Territorium das einem Finger gewidmet war, konnte leicht gröĂer oder kleiner sein. Es war subtil, aber es war da. Und die Karten variierten auch von einem Affen zum nĂ€chsten: sie waren keine identischen Kopien einer universellen Vorlage.
Also ging Merzenich weiter. Als er alle fĂŒnf Finger eines Affen gleichzeitig stimulierte, 500 Mal am Tag fĂŒr einen Monat, kartierte ihr Gehirn sie schlieĂlich als einen âFinger", ein einzelnes vereinigtes Territorium statt fĂŒnf separater. Neuronen die zusammen in der Zeit feuerten, verdrahteten sich zusammen zu einer Karte.
Dann schloss sich Bill Jenkins Merzenichs Team an der UCSF an, um zu studieren wie sich das Gehirn verĂ€nderte wenn ein Tier tatsĂ€chlich eine neue FĂ€higkeit erwarb statt nur Funktion zu verlieren. Sie brachten einem Affen bei, mit einem Finger eine drehende Scheibe zu berĂŒhren, trainierten ihn immer und immer wieder bis er geschickt in der Aufgabe wurde. Vor dem Training kartierten sie den sensorischen Kortex fĂŒr diesen Finger. Nach dem Training kartierten sie ihn erneut und fanden, dass das Gehirnterritorium das dieser spezifischen Fingerspitze gewidmet war, sich signifikant vergröĂert hatte. Das Erlernen der FĂ€higkeit hatte das Gehirn dazu gebracht, mehr Verarbeitungsleistung dem Finger zu widmen der die Arbeit tat. Und es war nicht nur so, dass die Karte gröĂer wurde. Die einzelnen Neuronen innerhalb dieses erweiterten Territoriums wurden effizienter, feiner abgestimmt auf die spezifische Aufgabe die der Affe ĂŒbte.
Das stellte eine komplette Umkehr von allem dar, was wir achtzig Jahre lang geglaubt hatten. Das erwachsene Gehirn war nicht festgelegt. Es reorganisierte sich basierend darauf, was man damit tat, was man ĂŒbte, worauf man seine Aufmerksamkeit richtete. Benutze einen Finger mehr, und sein Gehirnterritorium wĂ€chst. Hör auf einen Finger zu benutzen, und sein Territorium wird von Nachbarn eingenommen. Lass zwei Finger zusammen bewegen, und ihre Gehirnkarten verschmelzen. Ăbe eine FĂ€higkeit, und die Neuronen die diese FĂ€higkeit verarbeiten werden zahlreicher und effizienter. Merzenich hatte eine der wichtigsten Entdeckungen der Medizin gemacht: unsere Gehirne verĂ€ndern sich basierend darauf, was wir mit ihnen tun. Und fast niemand hat jemals seinen Namen gehört.
Die VerÀnderungen beim Menschen sehen
UngefĂ€hr zur selben Zeit holte die Technologie endlich auf und erlaubte uns, das in lebenden menschlichen Gehirnen geschehen zu sehen. Funktionelle MRT machte es möglich zu beobachten, welche Bereiche des Gehirns bei verschiedenen Aufgaben aufleuchteten, zu verfolgen wie sich diese Muster ĂŒber die Zeit verĂ€nderten, die physische Reorganisation zu beobachten die Cajal vorhergesagt aber nicht direkt messen konnte. Studien an Schlaganfallpatienten zeigten, dass das Gehirn sich innerhalb von Wochen intensiver Therapie reorganisieren konnte. Forschung an Londoner Taxifahrern enthĂŒllte, dass der Teil ihres Gehirns der der rĂ€umlichen Navigation gewidmet ist, der Hippocampus, im Vergleich zu Busfahrern vergröĂert war, und je lĂ€nger jemand Taxifahrer gewesen war, desto gröĂer die VerĂ€nderung. Wenn Menschen Jonglieren lernten, reorganisierten sich ihre visuell-motorischen Bereiche. Wenn Musiker ĂŒbten, expandierten die Fingerbereiche ihres motorischen Kortex.
Bis in die 1990er Jahre war die Evidenz ĂŒberwĂ€ltigend. Das Gehirn war nicht festgelegt. Wir wussten jetzt, dass intensive Ăbung physische VerĂ€nderungen in der Gehirnstruktur verursacht, dass Erholung von Verletzung durch gezielte verhaltensbezogene Interventionen möglich war. Die National Institutes of Health (NIH) finanzierten Workshops, fĂŒhrende Wissenschaftler versammelten sich um klinische Anwendungen zu diskutieren, und Papers fluteten die Zeitschriften die das therapeutische Potenzial dokumentierten.
Und dann... passierte nicht viel.
Es ist nicht so, dass sich gar nichts Ă€nderte. Manches schon. Schlaganfallrehabilitation verschob sich in Richtung intensiveres aufgabenspezifisches Training. Constraint-Induced Movement Therapy entstand, die Schlaganfallpatienten zwang ihre betroffenen GliedmaĂen zu benutzen indem die gesunde fixiert wurde, unter Ausnutzung der FĂ€higkeit des Gehirns sich umzuverdrahten. Einige Physiotherapie-Protokolle integrierten Prinzipien der NeuroplastizitĂ€t. Das Feld der Neurorehabilitation erlebte was Forscher einen âParadigmenwechsel" nannten, eine Verschiebung von einem Fokus auf Kompensation, also Menschen beizubringen Defizite zu umgehen, hin zu einem Fokus auf Erholung durch NeuroplastizitĂ€t. Auf dem Papier sah das revolutionĂ€r aus, aber in der Praxis blieben die meisten dieser fortgeschrittenen technologischen Interventionen weitgehend auf spezialisierte Forschungszentren und teure Privatkliniken beschrĂ€nkt.
Also warum hat sich neuroplastizitĂ€tsbasierte Behandlung nicht ĂŒber dieses enge Fenster hinaus ausgeweitet? Es gibt kein Geld darin. Pharmaunternehmen finanzieren den GroĂteil der Forschung, was bedeutet, dass Forschung monetarisierbare Dinge produzieren muss. NeuroplastizitĂ€tsbasierte Interventionen können nicht patentiert werden, man bringt Menschen nur bei, ihre eigenen Gehirne anders zu benutzen. Also wird die Forschung nicht finanziert, was bedeutet, die groĂangelegten Studien werden nicht durchgefĂŒhrt.
Physiotherapie scheint eine Ausnahme von der Idee zu sein, dass die Medizin nur Medikament-, GerĂ€t- oder Verfahrensinnovation finanziert und integriert. Aber es stellt sich heraus, dass sie die Ausnahme ist die die Regel bestĂ€tigt: sie entstand eigentlich aus Kriegsnotwendigkeit, bevor das aktuelle pharmazeutisch dominierte Forschungsmodell etabliert wurde, und auch jetzt geht die meiste âRehabilitationsforschung"-Finanzierung in Prothesen und assistive Technologie, Dinge die tatsĂ€chlich verkauft werden können. Die verhaltensbezogenen Interventionen bekommen fast nichts und sind deshalb weitgehend unverĂ€ndert geblieben.
Die Implikationen der NeuroplastizitĂ€t sind weit breiter als das enge Fenster fĂŒr das die Medizin sie nutzt. Wenn das Gehirn sich reorganisiert basierend darauf, was man damit tut, was man ĂŒbt und worauf man achtet, dann ist NeuroplastizitĂ€t fĂŒr praktisch jede Erkrankung relevant die Gehirnfunktion involviert.
Allergiedesensibilisierung ist tatsĂ€chlich NeuroplastizitĂ€t in Aktion: die Immunantwort durch wiederholte Exposition umtrainieren. Aber das ist nur eine Sache, und es ist auch nicht die Erstlinienbehandlung fĂŒr Allergien. Die Erstlinienbehandlung ist, die Sache die die Reaktion auslöst einfach zu vermeiden.
Krankheit und das verÀnderbare Gehirn
Also was ist mit chronischen Krankheiten? Es hat einige Forschung gegeben. Wissenschaftler haben ausgiebig dokumentiert, dass das Immunsystem und das Nervensystem Krankheitsmuster genauso bereitwillig lernen wie das Gehirn lernt Klavier zu spielen. Und einmal gelernt, können sich diese Muster ausbreiten und verfestigen auf Arten die genau so aussehen wie das was wir bei Merzenichs Affen gesehen haben.
1962 schlug ein Forscher namens Turnbull vor, dass Asthma tatsĂ€chlich eine gelernte Reaktion sein könnte. Ihm war aufgefallen, dass Asthmapatienten manchmal in der kompletten Abwesenheit jeglichen Allergens AnfĂ€lle hatten. Der berĂŒhmteste Fall wurde schon 1886 berichtet, als eine Frau einen vollen Asthmaanfall hatte nachdem sie eine kĂŒnstliche Rose gesehen hatte, eine aus Papier und Stoff. Ihr Körper hatte das Muster so gut gelernt, dass der visuelle Reiz allein ausreichte um die gesamte physiologische Kaskade auszulösen.
Das wurde als psychologisch abgetan, als etwas Separates von âechtem" Asthma mit seinen dokumentierten Immunantworten und AtemwegsentzĂŒndung. Aber Forscher fanden immer wieder dasselbe Muster. Sie konnten Meerschweinchen konditionieren, auf komplett neutrale Reize AsthmaanfĂ€lle zu haben, indem sie den Reiz mit einem Allergen paarten, bis schlieĂlich der neutrale Reiz allein die ganze Kaskade auslöste: Bronchokonstriktion, EntzĂŒndung und so weiter. Der Körper lernte Assoziationen zwischen willkĂŒrlichen Reizen und Immunantworten und verdrahtete sie durch Wiederholung zusammen, bis sie automatisch wurden. Und einmal verdrahtet, erwiesen sich diese gelernten Reaktionen als bemerkenswert persistent und zeigten sich sogar wenn die Tiere einfach nur gestresst waren oder in neuen Kontexten.
Die Medizin hat dokumentiert, dass wenn jemand wiederholte AsthmaanfĂ€lle hat, die sensorischen Nerven in seinen Atemwegen empfindlicher werden und bei niedrigeren Schwellen feuern. Die Hirnstamm-Neuronen die die Atmung kontrollieren werden reaktiver. Die parasympathischen Nerven die Atemwegsverengung auslösen werden ĂŒberreaktiv. Chronische EntzĂŒndung erhöht die Dichte der Nerven in den Atemwegen. Je mehr AnfĂ€lle jemand hat, desto effizienter lernt sein Nervensystem sie zu produzieren. Es ist Merzenichs Prinzip das sich im Atmungssystem abspielt: benutze es und es wird stĂ€rker. Ăbung macht besser in dem was man ĂŒbt, selbst wenn das was man ĂŒbt AsthmaanfĂ€lle haben ist. Das wurde ĂŒber Körpersysteme hinweg dokumentiert. Der erste Anfall den jemand bekommt, senkt die Schwelle fĂŒr den nĂ€chsten. Jeder Anfall macht zukĂŒnftige AnfĂ€lle leichter auslösbar. Das ist so gut dokumentiert, dass Neurologen einen Namen dafĂŒr haben: Kindling. Nach einem ersten Herzinfarkt ist das Risiko eines zweiten dramatisch höher. Nach einem ersten Schlaganfall werden nachfolgende SchlaganfĂ€lle wahrscheinlicher. Sobald man einmal einen Nierenstein hatte, steigen die Chancen auf einen weiteren dramatisch. Sobald der Körper ein Muster gelernt hat, wird es leichter und leichter, es zu wiederholen, je mehr es geĂŒbt wird.
Diese geĂŒbten Muster können und generalisieren sich auch auf andere verwandte Dinge mit Ă€hnlichen Pfaden. Bei Asthma zum Beispiel werden Kinder die anfangs auf ein Allergen reagieren, sagen wir Katzenschuppen, oft ĂŒber die Zeit auf mehr und mehr Auslöser reaktiv. Erst Katzen, dann Hunde. Dann Hausstaubmilben. Dann Pollen. Dann kalte Luft. Dann Bewegung. Die Medizin verfolgt das mit molekularer PrĂ€zision und misst genau auf welche Proteine ein Kind reagiert, wobei die Liste Jahr fĂŒr Jahr lĂ€nger wird. Sie können sehen, dass Kinder die bis zum Alter von zwei Jahren auf vier oder mehr Allergene sensibilisiert sind, mehr als das vierfache Risiko haben, bis zum Alter von zehn Asthma zu haben, verglichen mit Kindern die auf ein Allergen oder keins sensibilisiert sind. Das Muster breitet sich durch wiederholte Aktivierung derselben zugrunde liegenden entzĂŒndlichen Kaskade aus, wobei jeder neue Auslöser den Pfad stĂ€rkt und erweitert und dem System mehr Gelegenheit zu ĂŒben gibt.
Und wie wir besprochen haben: sobald man diagnostiziert wird, bekommt man eine Liste von Auslösern auf die man achten soll, was diesem Prozess hilft. Man fĂ€ngt an, diesen Auslösern mehr Aufmerksamkeit zu schenken, und dein Gehirn sieht diese Aufmerksamkeit und Wachsamkeit und fĂŒgt diese Dinge der Liste hinzu. Genau wie wir in den Placebo- und Nocebo-Kapiteln gesehen haben, sagen wir unseren Gehirnen was sie erwarten sollen, und sie gehorchen. Die Diagnose die dir helfen sollte die Erkrankung zu managen, gibt deinem Nervensystem tatsĂ€chlich ein umfassendes Trainingsprogramm dafĂŒr, wie man effizienter krank ist.
Und diese Ausbreitung ist nicht auf Atemwegsauslöser beschrĂ€nkt. Ăber die HĂ€lfte der Kinder mit schwerem Ekzem entwickeln Asthma, weil beide Erkrankungen Barrierendysfunktion in Epithelgeweben involvieren, beide involvieren Immun-HyperreaktivitĂ€t, beide zeigen dasselbe Muster der Sensibilisierung die sich ĂŒber die Zeit ausbreitet. Die Medizin nennt das den âatopischen Marsch", die Progression von Ekzem im SĂ€uglingsalter zu Nahrungsmittelallergien im Kleinkindalter zu Asthma in der Kindheit. Und obwohl es als genetische PrĂ€disposition gerahmt wird die sich entwicklungsmĂ€Ăig abspielt, ist das was sie tatsĂ€chlich dokumentieren: das Nervensystem das ein Muster der Immun-Ăberreaktion lernt und dann dieses gelernte Muster auf verschiedene Barrieregewebe anwendet. Die beschĂ€digte Hautbarriere beim Ekzem bringt dem Immunsystem bei, wegen Allergenen auszuflippen, und wenn dann dieselben Immunantworten in der Lunge oder im Darm auftauchen, ist das Muster bereits etabliert, bereits geĂŒbt, bereit durch eine expandierende Liste von Reizen ausgelöst zu werden.
Dasselbe Sensibilisierungsmuster zeigt sich beim Reizdarmsyndrom, wo eine anfĂ€ngliche Infektion oder ein entzĂŒndliches Ereignis das Nervensystem des Darms sensibilisieren kann und eine viszerale Ăberempfindlichkeit erzeugt, die lange nach dem Abklingen des ursprĂŒnglichen Auslösers bestehen bleibt. Die Nerven feuern bei niedrigeren Schwellen, Lebensmittel die vorher in Ordnung waren werden zu Auslösern, und Patienten werden hypervigilant bezĂŒglich des Essens, scannen nach Symptomen, was die Muster verstĂ€rkt die sie feststecken lassen.
Was all diese Erkrankungen teilen, ist der Mechanismus den wir durch dieses Kapitel verfolgt haben: das Gehirn und Nervensystem das durch Wiederholung lernt, Assoziationen die sich zwischen Auslösern und Reaktionen bilden, Muster die automatisch werden und sich dann auf Ă€hnliche Kontexte ausbreiten, neuroplastische VerĂ€nderungen die als vorĂŒbergehende Empfindlichkeit beginnen und zu permanenter Architektur werden. Die Medizin hat jedes StĂŒck davon isoliert dokumentiert, die Immunantworten bei Asthma, die zentrale Sensibilisierung beim Reizdarmsyndrom, den atopischen Marsch von Ekzem zu anderen allergischen Erkrankungen, Kindling bei Anfallspatienten. Aber sie hat sie nicht als Beispiele desselben zugrunde liegenden Prozesses verbunden. Sie hat nicht erkannt, dass das was sie sah maladaptive NeuroplastizitĂ€t war: das Gehirn und Nervensystem das Muster lernte die Menschen krĂ€nker machten, mit exakt denselben Mechanismen die uns erlauben Schwimmen oder Malen oder jede andere FĂ€higkeit zu lernen.
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Also jetzt haben wir gesehen, dass das Gehirn Krankheit auf dieselbe Weise einverdrahtet wie es jede andere FĂ€higkeit einverdrahtet. Seit ĂŒber einem Jahrhundert dokumentieren Forscher die spezifischen Regeln die bestimmen, wie unsere Gehirne lernen. Und diese Regeln erklĂ€ren nicht nur wie Krankheit einverdrahtet wird, sondern warum es so schwer ist herauszukommen, und letztlich, wie wir es können.
· · · Ende des Kapitels · · ·
Quellenangaben
âIn adult centers the nerve paths are something fixed, ended, immutable. Everything may die, nothing may be regenerated. It is for the science of the future to change, if possible, this harsh decree.â S. RamĂłn y Cajal, Degeneration and Regeneration of the Nervous System, trans. R. M. May, ed. J. DeFelipe and E. G. Jones (New York: Oxford University Press, 1991). Original Spanish edition, 1913â1914.
In the 1890s Cajal had introduced a concept he called "neuronal plasticity." G. Berlucchi and H. A. Buchtel, "Neuronal Plasticity: Historical Roots and Evolution of Meaning," Experimental Brain Research 192, no. 3 (2009): 307â319, https\://doi.org/10.1007/s00221-008-1611-6.
The most famous case was reported back in 1886, when a woman had a full asthmatic attack after seeing an artificial rose. MacKenzie, J. N. "The Production of the So-Called 'Rose Cold' by Means of an Artificial Rose, with Remarks and Historical Notes." American Journal of the Medical Sciences 91 (1886): 45â56.
In 1962, a researcher named Turnbull proposed that maybe asthma was actually a learned response. Turnbull, J. W. "Asthma Conceived as a Learned Response." Journal of Psychosomatic Research 6 (1962): 59â70, https\://doi.org/10.1016/0022-3999(62)90025-990025-9).
They could condition guinea pigs to have asthma attacks in response to completely neutral stimuli. Ottenberg, P., M. Stein, J. Lewis, and C. Hamilton. "Learned Asthma in the Guinea Pig." Psychosomatic Medicine 20, no. 5 (1958): 395â400, https\://doi.org/10.1097/00006842-195809000-00007.
Children sensitized to four or more allergens by age two have more than four times the risk of having asthma by age ten. Havstad, S. L., A. R. Sitarik, H. Kim, E. M. Zoratti, D. Ownby, C. C. Johnson, and G. Wegienka. "Increased Risk of Asthma at Age 10 Years for Children Sensitized to Multiple Allergens." Annals of Allergy, Asthma & Immunology 127, no. 4 (2021): 441â445.e1, https\://doi.org/10.1016/j.anai.2021.04.028.
Over half of children with severe eczema go on to develop asthma. S. K. Bantz, Z. Zhu, and T. Zheng, "The Atopic March: Progression from Atopic Dermatitis to Allergic Rhinitis and Asthma," Journal of Clinical and Cellular Immunology 5, no. 2 (2014): 202, https\://doi.org/10.4172/2155-9899.1000202.
When he stimulated all five fingers of a monkey simultaneously, 500 times a day for a month, their brain eventually mapped them as one âfinger.â X. Wang, M. M. Merzenich, K. Sameshima, and W. M. Jenkins, âRemodelling of Hand Representation in Adult Cortex Determined by Timing of Tactile Stimulation,â Nature 378 (1995): 71â75, https\://doi.org/10.1038/378071a0.
They taught a monkey to touch a spinning disk with one finger. Jenkins, W. M., M. M. Merzenich, M. T. Ochs, T. Allard, and E. GuĂc-Robles. "Functional Reorganization of Primary Somatosensory Cortex in Adult Owl Monkeys After Behaviorally Controlled Tactile Stimulation." Journal of Neurophysiology 63, no. 1 (1990): 82â104, https\://doi.org/10.1152/jn.1990.63.1.82.
Research on London taxi drivers revealed that the part of their brain devoted to spatial navigation, the hippocampus, was enlarged compared to bus drivers. Maguire, E. A., K. Woollett, and H. J. Spiers. "London Taxi Drivers and Bus Drivers: A Structural MRI and Neuropsychological Analysis." Hippocampus 16, no. 12 (2006): 1091â1101, https\://doi.org/10.1002/hipo.20233.
When people learned to juggle, their visual-motor areas reorganized. Draganski, B., C. Gaser, V. Busch, G. Schuierer, U. Bogdahn, and A. May. "Neuroplasticity: Changes in Grey Matter Induced by Training." Nature 427, no. 6972 (2004): 311â312, https\://doi.org/10.1038/427311a.